Research

Psychologie der Kreativität

Autor: Prof. Dr. Joachim Funke

Abstract

Ein Streifzug durch die psychologische Kreativitätsforschung befasst sich mit den Möglichkeiten der Erfassung kreativer Prozesse, ihrer Manifestation, den Determinanten, der Frage nach der Notwendigkeit zu kreativem Denken und schließlich Erkenntnissen darüber, wie kreatives Denken gefördert werden kann.

Einleitung

Ist ein kreativer Prozess überhaupt dem Denken zugänglich oder spielen hier nicht vielmehr irrationale Elemente eine viel wichtigere Rolle? Sind diese Prozesse überhaupt mit den wissenschaftlichen Methoden der Psychologie erfassbar? Besitzt jeder Mensch ein kreatives Potenzial? Mit dem vorliegenden Beitrag soll diesen Fragen nachgegangen werden, indem wir zunächst einmal anstelle einer Antwort weitere Fragen stellen:

  1. Welche Untersuchungsmöglichkeiten stehen der Kreativitätsforschung zur Verfügung? Woher stammt überhaupt unser Wissen über das Thema?
  2. Wie sieht kreatives Denken aus, wie manifestiert es sich?
  3. Was sind Determinanten kreativen Denkens?
  4. Warum brauchen wir kreatives Denken in unserer heutigen Zeit mehr denn je?
  5. Was kann man tun, um kreatives Denken zu fördern?

Die Behandlung dieser Fragen kann hier sicher nicht erschöpfend vorgenommen werden, aber die geneigte Leserin und der geneigte Leser dürfen doch erwarten, nach Lektüre dieses Beitrags den Fragen nicht mehr ratlos gegenüberzustehen.

Wie kreatives Denken förden?

Zur Förderung kreativen Denkens sind viele Programme aufgelegt und zahllose Empfehlungen ausgesprochen worden. Auch wenn es Forscher gibt, die der Ansicht sind, dass kreatives Potenzial nur wenigen Menschen vorbehalten sei, ist die Mehrzahl der Kreativitätsforscher der Meinung, dass jeder Einzelne seine Kreativität entfalten kann. Teresa Amabile (1983; vgl. auch Amabile 1996) nennt Entscheidungsfreiheit, unerwartete Bekräftigungen, positives Innovationsklima, stimulierendes Milieu als kreativitätsförderliche Faktoren, als hinderlich dagegen Druck von Kollegen sowie Druck durch Supervision und durch erwartete Evaluation.

Nach Sternberg und Lubart (1991) müssen verschiedene individuelle wie Umwelt-Faktoren zusammenkommen. Den Empfehlungen folgend, die Sternberg (1995, 363f.) zur Erhöhung des kreativen Outputs empfiehlt, sollte man auf die folgenden Punkte achten:

  1. Entwickeln Sie eine hohe Motivation dafür, auf einem speziellen Gebiet kreativ zu sein! Lassen Sie sich um keinen Preis durch extrinsische Motivation (z.B. in Form von Geld) als Entschädigung für kreative Leistungen bestechen – Geld korrumpiert! Generell sollte das Streben zu kreativen Handlungen aus Ihnen selbst kommen (intrinsische Motivation)!
  2. Zeigen Sie ein gewisses Maß an Nonkonformismus – Regeln, die Ihre kreativen Handlungen beschränken, können gegebenenfalls missachtet werden! Allerdings: nicht alle Regeln und Gewohnheiten sind schädlich. Was die eigene Leistung angeht: höchste Ansprüche und Selbstdisziplin beim Schaffen sind nötig!
  3. Sie müssen vom Wert und der Bedeutung Ihrer kreativen Tätigkeit völlig überzeugt sein, Kritik und Abwertung durch andere Personen darf Sie nicht stören! Die Selbstkritik sollte jedoch den eigenen Prozess überwachen und verbessern!
  4. Suchen Sie sich Gegenstände und Personen, auf die sich Ihre kreative Aufmerksamkeit konzentriert, sorgfältig aus – dabei kann es sich auch (und gerade) um solche handeln, die von anderen Personen nicht geschätzt werden.
  5. Benutzen Sie Analogien und divergentes Denken, wo immer möglich. Aber: kreatives Denken berücksichtigt auch die alten Traditionen – und sei es nur, um ihnen zu widersprechen.
  6. Suchen Sie sich Mitstreiter, die gegen die Konvention angehen und neue Ideen ausprobieren, Mitstreiter, die zum Risiko ermutigen!
  7. Sammeln Sie soviel Wissen über Ihren Bereich wie möglich! Damit kann verhindert werden, dass das Rad zum 100. Mal erfunden wird. Vermeiden Sie gleichzeitig, von diesen Daten gefesselt zu werden!
  8. Verpflichten Sie sich auf das strengste zu Ihren kreativen Unternehmungen.

Source

Übersetzung des Titels: Psychology of Creativity
In: Holm-Hadulla, R.M. (Hrsg.): Kreativität Springer, Heidelberg 2000, S. 283-300