Research

Neue Trends in der Kreativitätsforschung

Autor: Prof. Dr. Karl-Heinz Brodbeck

Zusammenfassung

Die neuere Kreativitätsforschung hat sich aus dem engen Umkreis der Intelligenzforschung gelöst. Der Kreativitätsbegriff wurde erweitert, und andere Disziplinen bemühen sich neben der Psychologie um die Erklärung der Kreativität. Im Beitrag werden einige neuere Modelle vorgestellt und kritisch diskutiert. Dabei zeigt sich, dass die Kreativität durch zwei Dimensionen – Neuheit und Wert – zu charakterisieren ist, die funktional getrennt operieren und situativ eine unterschiedliche Ausprägung erfahren. Der Text schließt mit einem Ausblick auf verschiedene Anwendungen der vorgestellten Ergebnisse.

Abstract

While in its beginnings creativity research was considered a part of the psychology of intelligence only,it has now advanced to a research field of its own. With other sciences besides psychology becominginvolved in the explanation of creativity, its concept has been expanded substantially. After criticallyreviewing some of the recent models of creativity, my paper shows that creativity can be explainedalong two dimensions: newness and value. Both aspects can be made functional separable and, de-pending on different situations, specifically characterised. In its final part, my paper outlines somepractical implications of the obtained results.

Ergebnisse und Anwendungen

Der kreative Prozess zeigt sich also besonders darin: Die Einschränkung der Wertung wird aufgehoben und die Achtsamkeit richtet sich auf Veränderungen, einen Fluss von Ideen oder Wahrnehmungen. Dies zeigt, dass Kreativität mit einem Überschreiten von Rationalität in Zusammenhang steht, das vielfach aber nicht als Transrationalität (Brodbeck, 1986), sondern als Irrationalität unter dem Titel „Genie und Irrsinn“ (C. Lombroso, 1887; W. LangeEichbaum, 1928) gedeutet wurde. Tatsächlich gilt ein Aussetzen von Normen und Werten dem Alltagsverstand als „verrückt“, ebenso das Überschreiten von logischen oder Systemgrenzen.

Die Wertdimension wird entweder durch innere Schranken oder äußere Normen repräsentiert, die der Konvention entspringen. Deshalb versuchen Künstler, unkonventionell zu leben, sich von den Schranken der bürgerlichen Vorurteile zu lösen. Andererseits suchten viele einen Rausch als vermeintliches Substitut für das Flow-Erlebnis durch Drogen künstlich zu erzeugen, um so die Kontrolle der Wertung auszuschalten. Auch der Humor hebt die Denkbewegung aus den Geleisen der Werthaltungen und Gewohnheiten. Teilweise suchten Schriftsteller auch das Abenteuer, um in außergewöhnlichen Situationen gewohnte Wertsysteme außer Kraft zu setzen.

Die Außerkraftsetzung der Wertungen gelingt teilweise auch durch eine alternative Lebensweise, die sich bewusst von den Normen der Mitmenschen trennt – von der künstlerischen Extravaganz bis zur Schrulligkeit des Gelehrten ist dieses Verhaltensmuster bekannt. Auch das Umgekehrte kann aber richtig sein: Die für Gruppen vielfach nachgewiesene Diffusion der Verantwortung ist nichts anderes als ein Ausschalten der gewöhnlich funktionierenden Wertsysteme. Wichtig ist hierbei die Möglichkeit gemeinsamer Aufmerksamkeitssteigerung und wechselseitiger Anregung zur Generierung von Zufallsprozessen.

Doch mit der Entkoppelung von Werten, mit dem Ausschalten der zweiten Dimension der Kreativität, ist nur ein Element des kreativen Prozesses realisiert. Wenn man immer wieder beobachtet, dass Kinder mit dem Schuleintritt teilweise aufhören, „kreativ“ zu sein, so beruht das auf der verkürzenden Gleichsetzung von „Spiel“ und „Kreativität“. Erst die wertende Auswahl unter neuen Ideen, veränderten emotionalen Reaktionen, neuen Wahrnehmungen, Bewegungen oder Gedanken vollendet aber den kreativen Akt. Diese kritische und selbstkritische Haltung kann als individueller oder sozialer Prozess vollzogen werden. Damit entwickelt sich wirkliche Kreativität auch bei Kindern schrittweise mit der Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion und Persönlichkeitsbildung. Die Einschränkung des Spiels mit neuen Gedanken und Erfahrungen durch soziale und intellektuelle Regeln kann allerdings auch kreative Impulse gänzlich ersticken (K.-H. Brodbeck, 2003). Auch die Erziehung bleibt eine Frage des rechten Verhältnisses von Spontaneität und Norm, von Neuheit und Wert.

Das Wechselspiel von Zulassen von Neuerungen durch das Ausschalten von teils impliziten Wertungen und anschließender Auswahl kann verschiedenste Formen annehmen. Im individuellen Schaffensprozess ist es die Haltung des Fleißes und der Selbstkritik, die unaufhörlich Neues erprobt und wieder verwirft, was für viele herausragend Kreative gut belegt ist (K.-H. Brodbeck, 1999, S.6-29). Das Ausschalten von Wertsystemen kann sich aber auch negativ oder pathologisch vollziehen. Wer einen persönlichen Verlust erleidet, seine soziale Stellung verliert, im Wettbewerb durch Innovationen anderer bedrängt wird, bemerkt, dass die gewohnten Wertsysteme außer Kraft gesetzt werden. Die Reaktion darauf ist oft das Gefühl der Fesselung an das Gewohnte, das zugleich sozial nicht mehr funktioniert. Die Folge ist Angst und Erstarrung in sinnlos gewordenen Gewohnheiten. Die Kreativität ist insofern der produktive Gegenpol zur Angst, eine Einsicht, die auch therapeutisch sehr gut verwertbar ist. Da viele psychische Prozesse, wie die klassische Psychoanalyse betont, auf verdrängten Handlungen und Empfindungen beruhen, da ferner Reaktionen häufig von unbewussten Mustern gesteuert werden, können das Achten auf implizite Wertungen Angst und Leiderfahrungen schrittweise aus den Fesseln der Gewohnheit befreien – in Unternehmen nicht weniger als in Schule, Hochschule, im Alltag und beim Sport.

Im modernen Kapitalismus ist die funktionale Trennung von Neuheit und Wert institutionalisiert und zugleich brutalisiert. Es entsteht ein Zwang zur Innovation, wobei die neuen Produkte anschließend auf dem Markt im Wettbewerb einer ökonomischen Bewertung unterworfen werden. Hier wird im Management allerdings oft nicht verstanden, dass der Prozess der Neuerung zunächst auf der Ausschaltung von Werten beruht. Es gibt kein Controlling der Kreativität. Was Amabile als Vorrang der intrinsischen Motivation hervorhebt (T.M. Amabile 1996, S. 179ff.), kann man unter dem Gesichtspunkt der skizzierten Theorie der Kreativität so rekonstruieren: Intrinsische Motivation beruht auf der Möglichkeit, unabhängig von Wertungen ein kreatives Spiel zu spielen. Das Ergebnis bleibt hier immer ungewiss, es lässt sich nicht zweckrational planen, also auch nicht extrinsisch motivieren. Darin liegt das kreative Dilemma des Kapitalismus: Er braucht den kreativen Prozess, versucht ihn aber zugleich durch ein zunehmendes Kosten-Controlling und Anreizsysteme zu lenken. Dieser Widerspruch wird auf dem Rücken der Mitarbeiter ausgetragen, denen die Paradoxie aufgenötigt wird, planbar innovativ zu sein, mit jenen psychischen Folgen, die in der Betriebspsychologie beschrieben werden.

Die funktionale Trennung von Neuheit und Wert ist auch das Grundprinzip fast aller Kreativitätstechniken. A. F. Osborns Brainstorming formuliert das Ausschalten von Wertungen als explizite Norm: „Kritik ist verboten“. Andere Techniken versuchen unter der vorläufigen Ausschaltung von Kritik Neuerungen als Zufallsprozesse zu organisieren: Durch das Force-fit in W. J. J. Gordons Synektik oder systematische Rekombinationen wie in der morphologischen Analyse nach F. Zwicky. Hierbei nutzen die Kreativitätstechniken auch die veränderten Werthaltungen in Gruppenprozessen. Kreativitätstechniken können aber nur den Prozess der zufälligen Generierung neuer Ergebnisse fördern. Die Auswahl bleibt ein Prozess der Wertung, der nicht „technisch“ beherrschbar ist. Alle großen Kreativen haben eigene Kreativitätstechniken entwickelt, die in der Regel ein hohes Bewusstsein darüber voraussetzten, welche Wertsysteme und Gewohnheiten das Zulassen von Neuerungen hemmen können. Das zeigt: Man kann sich zur Kreativität entscheiden. Das Material kreativer Veränderung ist immer schon da: Es sind alle Aspekte der menschlichen Situation, die Gewohnheiten und Erfahrungen, die im Licht der Achtsamkeit neu erscheinen und sich verändern lassen.

Source

Prof. Dr. Karl-Heinz BrodbeckProfessor für Volkswirtschaftslehre, Statistik und Kreativitätstechniken, Neue Trends in der Kreativitätsforschung (PDF Download Available). Available from: https://www.researchgate.net/publication/255632870…

Literatur

Amabile, T.M. (1996): Creativity in Context, Boulder: Westview
Boden, M.A. (1994a): What is Creativity? In M. A. Boden (Hrsg.) (1994b), S. 75-117
Boden, M.A. (Hrsg.) (1994b): Dimensions of Creativity, Cambridge/Mass.-London: MIT Press
Boden, M. A. (1995): Die Flügel des Geistes. Kreativität und Künstliche Intelligenz, München: dtv
Broadbent, D. E. (1958): Perception and Communication, London: Pergamon
Brodbeck, K.-H. (2004a): Das Spiel mit den Gewohnheiten: Neuronale Strukturen und kreative Prozesse. In G.L.A.T. (Hrsg.): Das Spiel mit den Gewohnheiten, Freiburg: edition kavanah, S. 43-75
Brodbeck, K.-H. (2004b): Hirngespinste, EthikJahrbuch, 1, S. 17-31
Brodbeck, K.-H. (2003): Kreativität und Fantasie im schulischen Lernen, Schulmagazin 5-10, 4, S. 9-12
Brodbeck, K.-H. (2000): Mut zur eigenen Kreativität, Freiburg-Basel-Wien: Herder Brodbeck, K.-H. (1999): Entscheidung zur Kreativität, 2. Aufl., Darmstadt: WBG Brodbeck, K.-H. (1998): Ist Kreativität erlernbar? praxis-perspektiven, 3, S. 87-92 Brodbeck, K.-H. (1996): Erfolgsfaktor Kreativität, Darmstadt: WBG
10
Brodbeck, K.-H. (1986): Transrationalität, Münchener Wirtschaftswissenschaftliche Beiträge Nr. 86-09, München, S. 1-49
Csikszentmihalyi, M. (1996): Kreativität, Stuttgart: Klett-Cotta Csikszentmihalyi, M. (1992): Flow, Stuttgart: Klett-Cotta
Csikszentmihalyi, M. (1988): Society, Culture, and Person: a System View of Creativity. In Sternberg, R. J. (Hrsg.) (1988), S. 325-239
Damasio, A. R. (2001): Some notes on Brain, Imagination, and Creativity. In K.H. Pfenninger und V. R. Shubik (Hrsg.) (2001), S. 59-68
Edelman, G. M. (1987): Unser Gehirn – ein dynamisches System, München-Zürich: Piper
Gardner, H. (2001): Creators: Multiple Intelligences. In. K.H. Pfenninger und V. R. Shubik (Hrsg.) (2001), S. 117-143
Gardner, H. (1996): So genial wie Einstein. Schlüssel zum kreativen Denken, Stuttgart: Klett- Cotta
Gardner, H. (1994): The Creators ́ Patterns. In M.A. Boden (Hrsg.) (1994b), S. 143-158
Gigerenzer, G. (1994): Where do new Ideas come from? In M.A. Boden (Hrsg.) (1994b), S. 53-74
Goethe, J. W. v. (1963): Geschichte botanischer Studien, Gesamtausgabe Bd. 39, München: dtv
Graupe, S. (2005): Der Ort ökonomischen Denkens, Heusenstamm: Ontos
Guilford, J. P. (1967): The nature of human intelligence, New York: McGraw-Hill
Guilford, J. P. (1950): Creativity, American Psychologist, 5, S. 444-454
Hennessey, B. A. und T. M. Amabile (1998): Reward, Intrinsic Motivation, and Creativity, 53 (6), American psychologist, S. S. 674-675
Hennessey, B. A. und T. M. Amabile (1988): The Conditions of Creativity. In R. J. Sternberg (Hrsg.) (1988), S. 11-38
Joas, H. (1992): Die Kreativität des Handelns, Frankfurt a.M.: Suhrkamp
Landau, E. (1984): Kreatives Erleben, München-Basel: Ernst Reinhardt Verlag
Lange-Eichbaum, W. (1928): Genie – Irrsinn und Ruhm, München: Ernst Reinhardt
Langley, P.; H. A. Simon, G. L. Bradshaw und J. M. Sytkow (1987): Scientific Discovery, Cambridge/Mass.-London: MIT Press
Lenk, H. (2000): Kreative Aufstiege, Frankfurt a.M.: Suhrkamp
Libet, B. (2004): Mind time, Cambridge/Mass.-London: Harvard University Press Lombroso, C. (1887): Genie und Irrsinn, Leipzig: Reclam
11
Mandelbrot, B. B. (2001): The fractal universe. In Pfenninger, K.H. und V. R. Shubik (Hrsg.) (2001), S. 191-212
Matussek, P. (1979): Kreativität als Chance, München 1979: Piper
Mühle, G. und C. Schell (Hrsg.) (1970): Kreativität und Schule, München: Piper
Pape, H. (Hrsg.) (1994): Kreativität und Logik, Frankfurt a.M.: Suhrkamp
Peirce, C. S. (CP): Collected Papers, Cambridge 1958ff.: Harvard University Press (= CP)
Preiser, S. (1976): Kreativitätsforschung, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft
Pfenninger, K.H. (2001): The evolving Brain. In K.H. Pfenninger und V. R. Shubik (Hrsg.) (2001), S. 89-97
Pfenninger, K.H. und V. R. Shubik (Hrsg.) (2001): The Origins of Creativity, Oxford: University Press
Rapp, F. und R. Wiehl (Hrsg.) (1986): Whiteheads Metaphysik der Kreativität, Freiburg- München: Karl Alber
Rohracher, H. (1971): Einführung in die Psychologie, 10. Aufl., Wien-München-Berlin: Urban & Schwarzenberg
Schlicksupp, H. (1998): Innovation, Kreativität und Ideenfindung, 5. Aufl., Würzburg : Vogel
Schank, R. C. (1988): Creativity as a Mechanical Process. In R.J. Sternberg (Hrsg.) (1988), S. 220-238
Seiffge-Krenke, I. (1974): Probleme und Ergebnisse der Kreativitätsforschung, Bern- Stuttgart-Wien: Huber
Sternberg, R. J. (Hrsg.) (1988): The nature of creativity, Cambridge: University Press
Taylor, C. W. (1988): Various Approaches to and Definitions of Creativity. In R.J. Sternberg (Hrsg.) (1988), S. 99-121
Torrance, E. P. (1988): The Nature of Creativity as manifest in its Testing. In R.J. Sternberg (Hrsg.) (1988), S. 43-75
Ulmann, G. (1968): Kreativität, Weinheim-Berlin-Basel: Julius Beltz
Weisberg, R. W. (1989): Kreativität und Begabung, Heidelberg: Spektrum der Wissenschaft
Williams, F. E. (1970): Intellektuelle Kreativität und der Lehrer. In G. Mühle, C. Schell (Hrsg.) (1970), S. 165-174
Winch, P. (1974): Die Idee der Sozialwissenschaft und ihr Verhältnis zur Philosophie, Frank-furt a.M.: Suhrkamp