Research

Kanban Maturity Model (KMM)

 

von Frank Schultheiss


Das Kanban Maturity Model mit Reifegradmodell zu übersetzen wäre untertrieben. Es ist viel mehr als das: ein Referenzmodell. Genau genommen ist es ein Framework, das Organisationen beweglicher und anpassungsfähiger macht. Es liefert eine Roadmap, die schrittweise die Evolutionsfähigkeit von Organisationen steigert und so das langfristige Überleben sichert. Für das Agile Innovation Framework bietet das KMM eine Roadmap zur kontinuierlichen Prozessoptimierung.

Kanban in 3 Sätzen

Kanban besteht aus vier Prinzipien und sechs Praktiken, die Organisationen in evolutionären Schritten besser machen. Das Ziel ist die Optimierung des Flow: die zu bewältigende Arbeit soll besser durch Prozesse fließen. Fließt die Arbeit gut, bleibt sie nicht stecken. Die Ergebnisse werden planbar und die Dauer von Start bis Fertigstellung wird kürzer.

Was ist ein Capability Maturity Model?

Ein Capability Maturity Modell ist ein Referenzmodell. Damit  kann die Qualität von Prozessen beurteilt werden. Eine niedrige Beurteilung bedeutet schlechte Prozessqualität. Null wäre praktisch chaotisch (gar nicht so selten). Einen hohen Reifegrad kennzeichnet u.a. schnelle Anpassungsfähigkeit durch Feedback Loops. Unter Stress greifen Mechanismen, die für Stabilität sorgen. Antizipation der Chancen und Risiken und entsprechende evolutionäre Veränderungsfähigkeit kennzeichnen den höchsten Level. Organisationen auf einem niedrigen Level kommen unter Stress ins „Schwimmen“ oder zerfallen im schlimmsten Fall. Beispiele für Reifemodelle (Abb. 2) sind das Capability Maturity Model Integration (CMMI) oder SPICE (Software Process Improvement and Capability Determination).

CMMI and SPICE Capability Maturity Models (Wikipedia)

Durch die genaue Beschreibung der einzelnen Stufen entsteht gleichzeitig eine Roadmap: es lässt sich erkennen, welche Aktivitäten nötig sind, um die nächste Stufe zu erreichen. Damit ist die Stärke des Modells nicht die Beurteilung “Wo stehen wir?”, sondern die integrierte Roadmap “Was müssen wir tun, um den nächsthöheren Reifegrad zu erreichen”.

Ziele des Kanban Maturity Models (KMM)

Das Ziel des KMMs ist die Entwicklung der folgenden Fähigkeiten von Organisationen zu unterstützen (Bozheva, T 2017):

  • Auflösung von Überlastungen
  • Erwartungen der Kunden erfüllen
  • Organisatorische Beweglichkeit (Agilität) und Anpassungsfähigkeit
  • Vorhersehbare wirtschaftliche Ergebnisse und finanzielle Robustheit
  • Überlebensfähigkeit

Die folgende Darstellung zeigt die Stufen des KMM. Auf Stufe 0 sind die oben genannten Fähigkeiten praktisch nicht vorhanden. Auf der höchsten Stufe 6 werden sie in Perfektion praktiziert.

Abb. 2: Kanban Maturity Levels (Bozheva, T. 2017)

Architektur des Kanban Maturity Models

Der Reifegrad einer Organisation im KMM wird maßgeblich durch die 6 Kanban Praktiken bestimmt, die folgend dargestellt sind. Die vollständige Anwendung der Praktiken in hoher Qualität führt zum höchsten Reifegrad. Keine oder unvollständige Anwendung zu einem niedrigen Reifegrad.

Kanban Praktiken

  • Visualisierung der Arbeit
  • Limitierung des Work in Progress
  • Fluss der Arbeit optimieren
  • Klar definierte Regeln
  • Feedback Loops
  • Verbessern und Weiterentwickeln
Abb. 3: Kanban Praktiken bestimmen den Reifegrad (Anderson, D. J. 2017)

Die Tabelle unten (Abb. 4) zeigt eine detaillierte Übersicht der Struktur und der Elemente des KMM (v.l.n.r.):

  • das Risikoprofil und die Lean Management Klassifizierung
  • die eigentlichen Reifestufen 0 bis 6
  • danach die 6 Praktiken (Visualisierung, Limit WIP etc.)
  • und abschließend der kulturelle Fokus, Werte und Leadership Klasse
Abb. 4: Architektur des Kanban Maturity Models (Anderson, D. 2017)

Transition und Main Practices

Besonders interessant ist die Zweiteilung der Reifestufen: Die einzelnen Reifestufen bestehen jeweils aus den beiden Ebenen “Transition” und “Main”. Die Ebene “Transition” beschreibt die Praktiken, die für den Einstieg in den nächsthöheren Level geeignet sind. Die Ebene “Main”  bildet die “Core Practices” ab, die anspruchsvoller sind. Damit werden Handlungsoptionen zum Erreichen der nächsten Stufe geliefert. Wie beim Erlernen des Skifahrens, wo auch eine gewisse Abfolge der Praktiken zu schnellerem Lernerfolg führt: zuerst der Schneepflug und dann Schwünge, Parallelschwung, Slalom, Wedeln, Fahren im Tiefen Schnee und erst dann das Wedeln im Tiefschnee.

Wie bei dieser Analogie, würde auch im KMM der Versuch scheitern, von der ersten Stufe sofort die Praktiken der 6. Stufe zu versuchen. Durch die Transitionsebene  liefert das KMM eine Anleitung und Handlungsoptionen für die nächsten Schritte zur Verbesserung, die vom Schwierigkeitsgrad her den aktuellen Fähigkeiten der Organisation entsprechen.

Das gesamte Kanban Maturity Model

David J. Anderson präsentierte das gesamte Modell zum ersten mal auf der Lean Kanban Konferenz im September 2017. Die folgende Abb. 5 zeigt 0.5 Alphaversion.

Abb. 5: Full Kanban Maturity Model KMM (Source: Anderson, D. 2017, Lean Kanban Inc.)

Kanban Maturity Model Benefits

Die sechs Reifestufen des KMM sind nochmal in vier Risikogruppen eingeteilt:

  1. Fragil: Level 0 – 2
  2. Stabil: Level 3
  3. Robust: Level 4-5
  4. Antifragil: Level 6

Die folgende Abb. 6 zeigt die Vorteile dieser einzelnen Stufen des KMM:

Abb. 6: Risikogruppen und die entsprechende Vorteile des KMM

KMM in der Praxis

In der Praxis funktioniert das KMM etwa wie folgt: Im Unternehmen wird die Arbeitsweise der Teams analysiert. Je nachdem, welche Praktiken eingesetzt und welche Ergebnisse erreicht werden, wird der entsprechende Level ermittelt. Im nächsten Schritt werden mit Hilfe des KMM dann die Praktiken abgeleitet, die das Team bzw. die Organisation auf den nächsten Level bringen. Das Kanban Maturity Model zeigt also einerseits wie die aktuellen Fähigkeiten eingeordnet werden können und andererseits auch die konkreten nächsten Schritte, um besser zu werden.

Zusammenfassung und Diskussion

Mit dem Buch “Successful Evolutionary Change” hat David J. Anderson im Jahr 2010 die Kanban Methode bekannt gemacht. In den vergangenen Jahren hat Kanban selbst einige evolutionäre Schritte gemacht: Rollen, Cadences (Events) und jetzt das Kanban Maturity Model machen Kanban zum aktuell komplettesten Framework zur Organisation von Wissensarbeit. Die Idee, Organisationen, Prozesse oder Teams in Reifestufen zu Kategorisieren ist zwar nicht neu, doch die Transitionsebenen sind eine echte Innovation. Die Aufteilung der Praktiken der Reifestufen in “Core Practices” und “Transition Practices”, zeigt Verbesserungsoptionen auf, die auch erreichbar sind. Individuen, Teams und Organisationen werden damit nicht überfordert und Gegenwehr vermieden. Verbesserung bedeutet auch immer Veränderung. Die Stärke des KMM ist dabei, die Wege für erfolgreichen Wandel aufzuzeigen. Für das Agile Innovation Framework liefert das Kanban Maturity Model eine Roadmap zur kontinuierlichen Verbesserung.